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1
Dez
2016
0

Gemeinsam wird man leichter besser

Die EU bietet Menschen und Unternehmen viele Chancen, ist aber auch ein Glücksfall für die öffentlichen Stellen.

Es ist schon eine besonders günstige Konstellation, die sich für die Verwaltungen der einzelnen EU-Mitgliedstaaten ergibt: Beinahe jede mit öffentlichen Aufgaben betraute Stelle findet zumindest ähnliche Pendants in den anderen EU-Staaten. Und jede dieser Stellen hat ihren eigenen “Markt”, steht also nicht in einem klassischen Konkurrenzverhältnis. Diese Rahmenbedingungen verführen damit gerade dazu, sich gegenseitig zu vergleichen, sich aber Gutes und weniger Gutes offen auszutauschen und Besseres hemmungslos zu kopieren.

Das AMS Österreich hat deshalb bereits 2002 auf europäischer Ebene im Netzwerk HOPES (Heads of Public Employment Services) das sogenannte Benchmarking-Projekt ins Leben gerufen. Benchmarking (der Vergleich mit anderen) ist wichtig, um die eigenen Lösungen und Ergebnisse (wie etwa Bearbeitungsdauer oder dergleichen) richtig beurteilen zu können. Ist unsere Lösung gut, verbesserungswürdig, schlecht?

Benchmarking ist aber auch sinnvoll, um auf der Suche nach guten (besseren) Vorgangsweisen nicht jedes Mal in alle anderen Mitgliedsländer reisen zu müssen. Es genügt, sich nur jene Länder näher anzusehen, bei denen aufgrund der dort erzielten Resultate die Chance auf ein Best-Practice-Beispiel gegeben ist.

Wir haben unser Benchmarking sehr vorsichtig und auf freiwilliger Basis zunächst mit nur vier anderen Arbeitsmarktverwaltungen begonnen und in einem längeren Diskussionsprozess unter wissenschaftlicher Begleitung elf Leistungsindikatoren gemeinsam definiert: Key-Performance-Indikatoren, die in unserem Bereich etwa Kundenzufriedenheit, Arbeitsaufnahmeraten nach Schulung, Einschaltgrad bei den offenen Stellen oder ähnliches sind.

Europäische Vernetzung

Keiner dieser Indikatoren war argumentativ unangreifbar, zu unterschiedlich sind trotz aller Ähnlichkeiten die politischen, gesetzlichen, finanziellen und personellen Rahmenbedingungen. Und doch haben wir mit einem, wie es die Gruppe selbst nannte, “heroischen Pragmatismus” die Kennzahlen weiterentwickelt, eine kleine Datenbank — dankenswerterweise gefördert von der EU-Kommission — mit den Ergebnissen gefüttert, Messmethoden und Hintergrundinformationen entwickelt und diskutiert und laufend analysiert. Ein entscheidender Erfolgsfaktor war dabei die Vereinbarung, die Ergebnisse nicht zu veröffentlichen und vorerst nur in unserem Kreis zu belassen. Damit ist die Diskussionsenergie in eine konstruktive Richtung gegangen, es wurde nicht mehr ausführlich argumentiert, warum etwa ein Indikator für den Vergleich unzulässig sei, sondern alle haben die gemeinsame Zeit hauptsächlich der Suche nach den Best-Practice-Beispielen gewidmet.

So wurden im Laufe der Jahre nicht nur die Indikatoren und Beobachtungskennziffern, sondern auch die freiwillig teilnehmenden Arbeitsmarktverwaltungen immer zahlreicher. Erst waren es 5, dann 11, dann 15 und im Jahr 2013 schon 23, die sich an unserem Projekt beteiligten. Und auch der Fokus erweiterte sich. Denn es war plötzlich nicht mehr nur interessant, wie die Besten ihre Dienstleistungen erbringen, sondern die Ergebnisse konnten auch im Längsschnitt untersucht werden. Wie ist es etwa der belgischen Arbeitsmarktverwaltung gelungen, die Online-Stellenmeldungen so deutlich zu steigern?

2014 wurde die Zusammenarbeit der 30 Arbeitsmarktverwaltungen — auch unter Beteiligung von Island und Norwegen — mit Entschließung des EU-Parlaments und des Europäischen Rates durch die Gründung des sogenannten PES Networks formalisiert. Damit sind wir heute unter anderem ein Beratungs- und zum Teil auch Umsetzungsgremium für EU-Kommission und Rat. Als Beispiel sei hier die “Jugendgarantie” genannt, deren Ziel ist, allen Menschen unter 25 Jahren binnen vier Monaten einen Job, einen Ausbildungsplatz, ein Praktikum oder eine Fortbildung zu vermitteln.

Interessanter Feedback-Report

Wesentliches Ziel unseres Netzwerkes ist aber weiterhin Benchmarking und Benchlearning. Denn heute liefern alle EU-Staaten Daten, mit denen wir einen überaus fruchtbaren Prozess der gegenseitigen Management-Assessments starten konnten. Alle 30 Arbeitsmarktverwaltungen haben sich in den vergangenen zwei Jahren nicht nur einem aufwendigen Selbst-Assessment gestellt, sondern auch einem internationalen Assessorenteam. Alle 30 bekamen so einen sehr interessanten Feedback-Report und konnten die für sie daraus ableitbaren Verbesserungspotenziale erkennen.

So basiert etwa unser größtes Entwicklungsprojekt, eine Online-Jobvermittlungsplattform auf Ebene von Kompetenzen, auf belgischen Erfahrungen. Festgestellt wurde, dass das AMS über ein sehr gutes System der Wirkungssteuerung verfügt und auch über ein gutes System zur kontinuierlichen Verbesserung. Allerdings wurden interne Diskussionen über die Notwendigkeit einer neuen strategischen Orientierung bestätigt. Insgesamt aber wurde durch unser 2002 gestartetes Projekt auch eine völlig neue Kultur der Zusammenarbeit unter Europas Arbeitsmarktverwaltungen entwickelt. Zu identifizierten “guten Vorgehensweisen” werden Seminare und Workshops organisiert, die im Detail beschriebenen “Good Practices” in einer Datenbank gesammelt und zur Verfügung gestellt. Damit sollen Lernprozesse stimuliert und bilaterale Kooperationen angeregt werden.

Ganz aktuell arbeiten wir im AMS vielfach auch bilateral zusammen. Beispiele dafür sind die Entwicklung einer Mentoring-App mit Belgien und Schweden, der Austausch zur Flüchtlingsintegration mit Deutschland oder das italienische Interesse an unserem Skill-Matching-Projekt. Gemeinsam wird man einfach leichter besser — eine Erfahrung, die wir auch an andere öffentliche Organisationen gerne weitergeben.

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Buch “25 Ideen für Europa”, das im Eigenverlag der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik erschienen ist.

Buch 25 Ideen für Europa

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