Vom Dampfkessel zum Prompt: Warum Arbeit überlebt
“Zehn Prozent oder neunzig Prozent?” – mit dieser Zuspitzung wollte ORF-Moderator Armin Wolf kürzlich einordnen, wie viele Arbeitsplätze Künstliche Intelligenz überflüssig machen könnte. Der KI-Entwickler Peter Steinberger, der mit seinem Agentensystem international Aufmerksamkeit erregte und den es gerade zur ChatGPT-Mutter OpenAI zieht, antwortete im Interview ausweichend: irgendwo dazwischen. Repetitive Tätigkeiten würden automatisiert, gleichzeitig brauche es weiterhin Menschen, die die Systeme anleiten. Vielleicht, so seine Folgerung, müssten wir künftig nicht mehr alle acht Stunden pro Tag arbeiten.
Armin Wolf stellt in der ZiB 2 seit Jahren exzellent vorbereitete Fragen, denen Politikerinnen und Politiker auszuweichen versuchen. Lieblingswerkzeug ist dabei ein oft gehörter Satz: “Die Frage stellt sich nicht, sondern es geht darum …” In diesem Fall braucht es diesen Satz und den ernst gemeinten Perspektivwechsel jedoch wirklich. Denn Arbeitsmärkte verändern sich nur selten entlang ganzer Berufe. Es gibt diese Fälle – Telefonistinnen, Heizer auf Dampflokomotiven oder das Schaffnerlos von Wolfgang Ambros. Aber sie sind eher die Ausnahme. In den meisten Fällen werden Jobs nicht abgeschafft, sondern umgebaut. Ein Job ist kein einzelner Handgriff, sondern ein Bündel aus Aufgaben, Verantwortung und Entscheidung. Technologischer Fortschritt greift meist einzelne Teile dieses Bündels heraus und setzt sie neu zusammen.
Schon der PC, E-Mail oder Internet haben klassische Bürotätigkeiten in großem Stil automatisiert: Rechnen, Schreiben, Archivieren. Und doch arbeiten heute mehr Menschen in Büros als früher – nicht trotz, sondern wegen dieser Technologien. Büroarbeit wurde nicht abgeschafft, sondern ausgeweitet: mehr Abstimmung, mehr Dokumentation, mehr Komplexität. Produktivitätsgewinne wurden dabei selten in weniger Arbeit übersetzt, fast immer aber in mehr Output. Oder hat ernsthaft jemand das Gefühl, seit PC und Smartphone im Büro weniger zu tun zu haben?
Soziale Verwerfungen
Schauen wir, ob KI tatsächlich eine Veränderung wie die Dampfmaschine zu Beginn der Industrialisierung bringt. Diese hat nicht nur Tätigkeiten, sondern Produktionsweisen, Arbeitsorte und Lebensverhältnisse grundlegend verändert: körperliche Arbeit in großem Stil ersetzt, Fabriken statt Heimarbeit hervorgebracht, Landflucht, Urbanisierung und Massenproduktion ausgelöst.
Und doch folgte daraus keine Welt mit weniger Arbeit. Die Dampfmaschine wurde zur Grundlage einer gigantischen wirtschaftlichen Entwicklung mit mehr Beschäftigung und wachsendem Wohlstand. Die Industrialisierung brachte soziale Verwerfungen – prekäre Arbeit und Ungleichheit – und rief Gegenbewegungen wie Gewerkschaften und Sozialgesetze hervor. Erst sie machten den technischen Fortschritt gesellschaftlich tragfähig. Auch hier gilt: Technik allein entscheidet nichts. Entscheidend ist, wie Gesellschaften auf sie reagieren.
Wenn KI tatsächlich ein vergleichbarer Umbruch sein sollte – was erst zu zeigen sein wird –, dann legt die historische Erfahrung nahe, dass Arbeit nicht einfach verschwindet. Die offene Frage ist nicht, ob Arbeit bleibt, sondern wie wir diese Veränderung gestalten.
Das eigentliche Risiko sehen wir in den Übergängen und beim Lernen. Viele Einstiegspositionen bestehen aus Routinetätigkeiten wie Recherche, Voranalysen oder Standardkommunikation, über die man Erfahrung sammelt und langsam in komplexere Aufgaben hineinwächst. Genau diese Tätigkeiten lassen sich durch KI besonders gut automatisieren. Übrig bleibt nicht nichts, sondern anderes: Einordnung, Bewertung, Entscheidung, Verantwortung.
Der vom KI-Blogger Alberto Romero beschriebene Punkt ist dabei unbequem, aber zentral: Wenn Unternehmen Einstiegsebenen abbauen, weil KI kurzfristig effizienter wirkt, sparen sie am falschen Ende. Lernräume verschwinden. KI kann Aufgaben übernehmen – aber sie bildet keine nächste Generation erfahrener Mitarbeiter aus.
Die Folgen zeigen sich zeitverzögert: in schwächeren Entscheidungen, fehlender Urteilskraft und Verantwortungslosigkeit. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie viele Jobs wegfallen könnten, sondern wie wir Lernen, Übergänge und Kompetenzaufbau organisieren.
Historisch führten Produktivitätsgewinne zu kürzeren Arbeitszeiten. Meist waren sie das Ergebnis politischer Aushandlung und harter Konflikte. KI eröffnet erstmals die Perspektive, dass Entlastung unmittelbar im Arbeitsalltag spürbar wird. Diese Hoffnung trifft jedoch auf eine oft ausgeblendete Realität: die demografische Entwicklung. In den meisten Industrienationen schrumpft die Erwerbsbevölkerung deutlich, während der Bedarf an Arbeit nicht kleiner wird.
Weniger Köpfe
Vielleicht ist KI also weniger der Hebel für flächendeckende Arbeitszeitverkürzung als vielmehr der Schlüssel dafür, wie künftig eine kleinere, produktivere Generation die Pensionen einer größeren finanziert. Oder salopp gesagt: weniger Köpfe, aber hoffentlich mehr Rechenleistung. Die eigentliche Frage ist, wie wir Produktivität, Arbeitszeit und soziale Sicherungssysteme in einer alternden Gesellschaft zusammendenken.
Auf Nachfrage wollte Peter Steinberger nicht ausschließen, dass KI eines Tages die Weltherrschaft übernimmt. Das klingt dramatisch – relativiert sich aber, wenn man sich den aktuellen Stand ansieht. Auf Plattformen wie RentAHuman.ai können KI-Agenten heute bereits Menschen buchen, um Aufgaben in der physischen Welt zu erledigen: Pakete abholen, Fotos machen, oder Dinge prüfen, die KI selbst nicht kann. Entstanden ist das aus einem simplen technischen Defizit: KI ist stark im Digitalen – ohne Hände, Beine und Augen bleibt sie dort.
Man kann das dystopisch lesen: Maschinen organisieren Menschen. Man kann es aber auch nüchtern sehen – als Übergangsphänomen einer Technologie, die viel kann, aber eben nicht alles. Dass KI heute noch Menschen braucht, um wirksam zu werden, ist vielleicht die beruhigendste Nachricht in der ganzen Debatte.
Wenn Anwendungen zu gefährlich werden, ziehen wir Grenzen – oder im Zweifel den Stecker. Nicht die Maschinen entscheiden, sondern wir. Falls sich jemand fragt: Ja, wir haben diesen Beitrag mit Unterstützung der KI geschrieben. Die Schlussfolgerungen haben ihr aber nicht gefallen.
Dieser gemeinsame Gastkommentar von Noah Oder (KI Experte im Vorstandsbüro des AMS) und mir erschien auch am 23.2.2026 in der Tageszeitung “Der Standard”.



